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20.05.1949 Die Zeugen Jehovas in Gera
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1. In Presse und Rundfunk müssen alle konkreten Beweise für die amerikanische
imperialistische Propaganda der ,Zeugen Jehovas’ sofort entlarvt werden, Die Abteilung
Kultur und Erziehung, Massenagitation sowie das Frauen- und das Jugendsekretariat
werden beauftragt, die Bewegung der ,Zeugen Jehovas’ aufmerksam zu verfolgen und
der Presse und dem Rundfunk laufend Materialzur Verfügung zu stellen. Die gesamte
Propaganda darf sich nicht mit den religiösen Problemen der ,Zeugen Jehovas’
auseinandersetzen, sondern soll ausschließlich die politischen Auswirkungen bzw. die
politischen Erklärungen dieser amerikanischen imperialistischen Propaganda
bekämpfen.
2. Ein Vertrieb der Druckschriften der ,Zeugen Jehovas’ in der sowjetischen
Besatzungszone ist nur möglich, wenn der Lizenzstempel der SMA auf dem
Druckerzeugnis vorhanden ist. Alle nicht genehmigten Druckschriften sind sofort
einzuziehen.
3. Auf Veranlassung der DVdl [Deutsche Verwaltung des Inneren] müssen sämtliche
staatlichen und kommunalen Verwaltungen angewiesen werden, den Bibelforschern
keine amtlichen Räume (Gemeindesaal, Schulräume, usw.) für Veranstaltungen zur
Verfügung zu stellen.
4. An die Landesvorstände der Partei und der demokratischen Organisationen sind durch
den Partei-vorstand bzw. die Zonenvorstände der betreffenden Organisationen
vertrauliche Anweisungen zu geben, dass Räume der Partei oder der Organisationen
nicht mehr den ,Zeugen Jehovas’ zur Verfügung gestellt werden dürfen. Ebenso ist an
die Parteipresse und an die Presse der demokratischen Massenorganisationen
Anweisung zu geben, dass Angehörige der ,Zeugen Jehovas’ nicht mehr aufgenommen
werden dürfen.
5. Für alle öffentlichen Versammlungen, soweit sie nicht rein kirchlichen Zwecken dienen,
besteht Anmeldepflicht, auch für die ,Zeugen Jehovas’. Alle nicht angemeldeten
Versammlungen sind zu verbieten und aufzulösen.
6. In allen Fällen, in denen die gesetzlichen Bestimmungen zum Schutz der
demokratischen Ordnung durch Redner oder Agitatoren der ,Zeugen Jehovas’ verletzt
werden, sind die gesetzlichen Strafbe-stimmungen anzuwenden.
7. Die Kirchen-Abteilungen bei den Volksbildungsministerien erhalten Anweisung, von
den ,Zeugen Jehovas’ eine Aufstellung aller Funktionäre dieser Organisation mit
Namen, Wohnort, Wohnung anzufertigen, um eine Überprüfung und Überwachung
dieser Funktionäre zu ermöglichen.
8. Das Jugendsekretariat wird beauftragt, gemeinsam mit dem Zentralrat der FDJ konkrete
Maßnah-men auszuarbeiten, um entsprechend diesen Richtlinien in den Gebieten, in
denen der Einfluss der Bibelforscher auf die Jugend besonders stark ist, auftreten zu
können. Dabei ist besonderer Wert auf eine gute Ausgestaltung kultureller
Veranstaltungen durch die FDJ in diesen Gebieten zu legen.
9. Die Frauenabteilung wird beauftragt, mit dem DFD Maßnahmen zur Arbeit unter den
Frauen der ,Zeugen Jehovas’ auszuarbeiten.
10. Die ,Zeugen Jehovas’, die in den Massenorganisationen mit der amerikanischen
imperialistischen Propaganda auftreten, sind aus den Organisationen zu entfernen.“
Dieser Beschluss zeigt den zukünftigen Umgang der Partei- und Staatsorgane in der
SBZ und der DDR mit der Religionsgemeinschaft Zeugen Jehovas. Am Gründungstag
der DDR, am 7. Oktober 1949 hatten alle Innenminister der SBZ den Maßnahmeplan
erhalten. Alle Landes- und Kreisvorstände der SED, viele SED-Parteimitglieder,
Behörden und Volkspolizeiverwal-tungen waren ab Oktober 1949 die Anweisungen
über den Umgang mit den Zeugen Jehovas bekannt. Die Vorgehensweise wurde im
ganzen Land vereinheitlicht.
Am 8. Februar 1950 wurde das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) als
Fortführung der Volkspolizei, Abt. K5 und der Kommission zum Schutz der
Volkswirtschaft geschaffen. An al-len Aktionen, die gegen Zeugen Jehovas
durchgeführt wurden, beteiligte sich die Staatssicher-heit. Als Exekutive entstand
nach der Auflösung der DVdI das Ministerium des Inneren (MdI) unter Karl
Steinhoff. Ihm war die Hauptverwaltung der Deutschen Volkspolizei unterstellt.
Günter Langheinrich erinnert sich an zweiKreiskongresse, die durch die Volkspolizei
ver-hindert bzw. aufgelöst wurden. Vom 12. bis 14. Mai 1950 sollte in Bad
Blankenburg ein Kongress stattfinden. Hans-Hermann Dirksen schildert die
Umstände:
„In Thüringen bekam die Volkspolizei die Anweisung, einen Kongress der Zeugen Jehovas
in Bad Blankenburg vom 12. bis 14. Mai 1950, zu dem etwa 2000 Anhänger erwartet
wurden, „unter allen Umständen“ zu verhindern, aber auf keinen Fall zu verbieten. Das war
problematisch, da der Kongress bereits im Januar 1950 ordnungsgemäß vom Leiter des
Volkspolizeiamtes Rudolstadt bewilligt worden war. Am 10. Mai 1950 fand daher beim
Volkspolizeikreisamt eine Besprechung statt. Gemäß dem Bericht der MfS-Dienststelle
Rudolstadt kam man dabei zu dem Entschluss, dass eine Quarantäne das be-ste Mittel sei, um
die Einreise der Zeugen Jehovas zu verhindern. Am Vormittag des 11. Mai 1950 wur-de ein
Arzt aus Weimar bestellt, welchem einige "typhusverdächtige Personen" präsentiert wurden.
[...]Am Morgen des 12. Mai 1950 wurden die Quarantänemaßnahmen in Gang gesetzt. Die
Kontroll-punkte an den Zufahrtsstraßen wurden besetzt und Fahrzeuge, die nach Bad
Blankenburg zum Kongress der Zeugen Jehovas fahren wollten, zurückgewiesen. Der
Bahnhof Bad Blankenburg wurde be-setzt, und die Zeugen Jehovas, die mit Zügen aus
Richtung Saalfeld und Erfurt kamen, wurden aufge-fordert, Bad Blankenburg sofort wieder
zu verlassen. Als Mannschaftswagen der Feuerwehr eingesetzt werden sollten, um sie nach
Saalfeld zu befördern, weigerten sich die Zeugen Jehovas, ohne Rückspra-che mit der
Kongressleitung Bad Blankenburg zu verlassen. Nach einer Fristsetzung waren sie lediglich
dazu bereit, nach Saalfeld zu laufen. Die Anwesenden setzten sich zwar in Bewegung,
versuchten aber, sich am Ortsausgang im Gelände zu verstreuen, um auf Umwegen wieder in
die Stadt zu gelangen. Durch Besetzen sämtlicher Einfallswege und Abkämmen des
Geländes wurden sie durch die Volkspolizei dann auf einen Sammelpunkt zurückgeführt.
Nach nochmaliger Verlesung der Anordnung über die quarantäneähnlichen Maßnahmen
wurden sie schließlich nach Saalfeld transportiert.“
Daraufhin versammelten sich die Zeugen Jehovas am 13. Mai 1950 im „Deutschen
Hof“ in Saalfeld. Doch auch diesmal war es ihnen nicht möglich den Kongress
durchzuführen. Günther Langheinrich beschreibt die Auflösung dieses Kongresses.
Außerdem führt er aus, inwieweit sich die Zeugen Jehovas gegen ein solches
Vorgehen werten:
„Als wir 1950 in Saalfeld/Saale einen Kreiskongress abhalten wollten, wurde dieser auf
Veranlassung des Landrates von Rudolstadt von den Maxhüttenkumpels gestürmt und
gesprengt. Brüder, die sich dort taufen lassen wollten, sagten, das war eine interessante
Taufansprache. So wurden wir auf das Verbotvorbereitet. Das verbreitete sich wie ein
Lauffeuer im Ort. Darauf fuhren aus einigen Versammlungen des Kreises einen Monat lang
an jedem Wochenende Verkündiger nach Saalfeld und wir missionierten die Stadt durch.
Der größte Teil der Menschen hörte sich die Botschaft an, und wir konnten da ein sehr gutes
Zeugnis geben. Viele waren darüber empört,dass die Kommunisten einen religiösen
Kongress gesprengt hatten.“
Die Berliner Abt. VI des MfS brachte am 24. August 1950 einen Gesamtbericht über
die „Tä-tigkeit der Zeugen Jehovas in der DDR“ heraus. Darin wird die Zahl der
Zeugen in der DDR zwischen 40 000 bis 43 000 Personen angegeben. Außerdem wird
ausgeführt:
„Die ,Zeugen Jehovas betreiben in der letzten Zeit eine verstärkte Aktivität in der Werbung
neuer Mit-glieder und der Verbreitung ihrer Ideologie. [...]Die Prediger der Sekten treten in
vielen Fällen als Doppelzüngler auf. Wenn man die Methoden der Arbeit der Sekten
betrachtet, ist nur ein Schluss zu ziehen, auf den es den leitenden Stellen ankommt.
Zersplitterung der Kräfte des Proletariats. Den werktätigen Massen den Glauben nehmen an
ihre eigene Kraft, und sie zu willenslosen Werkzeugen zu machen. Man übt eine Suggestion
auf große Teile der Bevölkerung aus, indem man ihnen erklärt: ,Nicht ihr selbst könnt die
Dinge verändern. nur der Jehova ist dazu inder Lage.’ [...]Aus den vorge-nannten
ausführlichen Vorkommnissen ist ersichtlich, dass es sich bei der Sekte ,Jehovas Zeugen’
um eine fanatische menschenfeindliche Gruppe handelt. Während diese Sekte ihren
Anhängern die politische Abstinenz ans Herz legt, wird unverblümte Kriegshetze und
Verächtlichmachung unserer demo-kratischen Einrichtungen und Organisationen kultiviert.
[...]Ihre umfangreiche Literatur kommt aus der USA und den Westzonen.[...] Die Führer und
Hintermänner dieser religiös verbrämten Organisation sind Feinde der Menschheit und
unsere eigene Sicherheit verlangt, dass man dem Rechnung trägt und sie einem Verbot bzw.
einer gut durchgearbeiteten Einschränkung zuführt.“
Das MfS forderte ein Verbot der Zeugen Jehovas, es wurden Strafverfahren gegen
den Wacht-turm geführt, dessen Lizenzierung von der SMA nie erteilt wurde. Das
Bibelhaus in Magde-burg führte ab dem 7. September 1949 eine
Beschlagnahmungsliste, die am 12. August 1950 endete. Ab dem Beginn des Jahres
1950 schlossen sich an die Beschlagnahmungen Strafverfahren gegen einzelne
Zeugen Jehovas an, wegen Verbreitung nichtlizenzierter Schriften.
Der erste direkte und landesweite Einsatz des MfS gegen die Zeugen Jehovas fand am
30. Au-gust 1950 in Magdeburg statt. Das Verwaltungsgebäude der WTG wurde
beschlagnahmt und besetzt. Die meisten Mitarbeiter wurden verhaftet. Im Laufe des
folgenden Jahres wurde der Gebäudekomplex größtenteils zu einem Krankenhaus
umgewandelt, das Grundstück wurde am 31. März 1951 als „Eigentum des Volkes“
ins Grundbuchamt eingetragen.
Einen Tag später, am 31. August 1950, wurde in der 39. Sitzung der Provisorischen
Regierung der DDR die Streichung der Zeugen Jehovas aus der Liste der erlaubten
Religionsgemein-schaften beschlossen. Am selben Tag teilte der Innenminister
Steinhoff in einem Brief an die „Watch Tower Bible and Tract Society, Deutsches
Zweigbüro Magdeburg“ folgendes mit:
„Jehovas Zeugen und deren in Ihrer Gesellschaft bestehende Verwaltung werden mit dem
heutigen Tage aus der Liste der erlaubten Religionsgemeinschaften im Bereich der
Deutschen Demokratischen Republik und in Groß-Berlin gestrichen und sind somit
verboten. Jede Tätigkeit der oben Genannten oder in deren Sinne ist damit untersagt und
strafbar. Die Tätigkeit der, Zeugen Jehovas’ inden letzten 10 Monaten hat klar bewiesen,
dass diese den Namen einer Religionsgemeinschaft fortgesetzt für verfassungswidrige
Zwecke missbrauchen. Sie haben im Gebiet der Deutschen Demokratischen Republik und in
Groß-Berlin eine systematische Hetze gegen die bestehende demokratische Ordnung und
deren Gesetze unter dem Deckmantel religiöser Veranstaltungen betrieben. Außerdem haben
sie fortlaufend illegales Schriftenmaterial eingeführt und verbreitet, dessen Inhalt sowohl
gegen die Verfassung der Deutschen Demokratischen Republik, als auch gegen die
Bestrebungen zur Erhaltung des Friedens verstößt. Gleichzeitigist festgestellt, dass die
,Zeugen Jehovas’ dem Spionagedienst einer imperialisti-schen Macht dienstbar sind.“
Um der Öffentlichkeit das Verbot verständlich zu machen, begann kurz vor dem Verbot eine großangelegte Propaganda. Erst am 5. September 1950 wurde das Verbot und die Verhaftungswelle öffentlich gemacht. (Quelle: Eichler, Katja 2001)

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18.01.2015
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