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17.06.1953 Über den Volksaufstand in Gera
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Fernschreiben der Bezirksverwaltung Gera an die Zentrale in Berlin vom 18.07.1953 Nachweis: BStU,ASt Gera,MfS,BV Gera,AS 20/74 Bd.1, S.104 Einheiten der Kasernierten Volkspolizei (KVP) fuhren in das Stadtzentrum ein. Nachdem sie sich weigerten, sich mit den Streikenden zu solidarisieren, kam es zu handgreiflichen Auseinandersetzungen. Dutzende Polizisten wurden entwaffnet und ihrer Uniformen entledigt. Stellungnahme zu den Vorfällen An verschiedenen Stellen fielen Schüsse, auch vor der SED-Bezirksleitung. Geschossen haben ausschließlich Polizisten und sowjetische Soldaten. Die Waffen, die die Aufständigen den Polizisten abnahmen, zerschlugen sie zunächst ausnahmslos auf Bordsteinkanten. Auch Polizeiwagen wurden wütend zerstört. Als Abschreckungsmaßnahme stellten sowjetische Soldaten am Nachmittag inmitten der Stadt drei gefechtsbereite Geschütze auf. Text auszugsweise aus: Ilko-Sascha Kowalczuk, "17.Juni 1953 - Volksaufstand in der DDR" Der Aufstand der Wismut-Kumpel im Raum Gera Die Bevölkerung hoffte auf die schlagkräftigen Wismut-Kumpel, standen diese doch seit Jahr und Tag im Ruf, nicht lange zu zögern und ihrem Unmut freien Lauf zu lassen, auch handgreiflich. Die Einwohner Geras sollten sich nicht getäuscht haben. Als die Wismut-Kumpel am Nachmittag in Geras Innenstadt eintrafen, brach ein wahrer Freudentaumel auf den Straßen aus. Auf dem Marktplatz versuchten gerade KVP-Einheiten, die tausenden dort noch immer befindlichen Demonstranten zu vertreiben. Als die 40 Wismut-Fahrzeuge um 16.40 Uhr eintrafen, zögerten die Kumpel keinen Augenblick und griffen die KVP-Angehörigen sofort an. Einen vollbesetzten Mannschaftswagen der Polizei kippten sie um, es gab mehrere Verletzte. Die Polizisten zogen sich zurück, zumeist entwaffnet. Die Kumpel zerstörten die meisten Waffen, diesmal aber nicht alle. Auch an den folgenden Aktionen mit teilweise schweren Zerstörungen beteiligten sich die etwa 300 bis 400 Wismut-Kumpel an vorderster Stelle. Gegen 18.30 Uhr kam es zu ersten Schießereien auf dem Platz der Republik, bei denen offensichtlich auch Wismut-Kumpel aus erbeuteten Waffen zurückschossen. Die sowjetische Armee nahm das zum Anlass, Gera hermetisch abzuriegeln. Erst in den späten Abendstunden zog allmählich Ruhe in Gera ein. Text auszugsweise aus: Ilko-Sascha Kowalczuk, "17.Juni 1953 - Volksaufstand in der DDR" Das Schicksal eines Wismut-Kumpels Bekanntmachung Einer der Wismut-Kumpel organisierte das Beseitigen von Straßensperren. In einer verbalen Auseinandersetzung mit einem sowjetischen Soldaten vertrat er die Meinung, daß sich die Rote Armee nicht in innerdeutsche Angelegenheiten einzumischen habe. Der Festnahme am 17. Juni entkam er, doch aufgrund einer Denunziation wurde er am 18. Juni verhaftet und nach Verhören durch die Staatssicherheit am 20.06.1953 an die Sowjets übergeben. Ein sowjetisches Militärgericht verurteilte den Mann, Vater zweier kleiner Kinder, am 29. Juni 1953 gemäß Paragraph 58 des Strafgesetzbuches der Russischen Sozialistischen Förderativen Sowjetrepublik (RSFSR) zu 25 Jahren Lagerhaft. Im Urteil wird lapidar festgestellt: ...war mit der in der DDR bestehenden Ordnung unzufrieden und trat am 17. 06.1953 in Gera mit der Forderung auf, die demokratische Ordnung zu stürzen. Danach organisierte er eine Gruppe von Personen, mit der er einen Überfall auf die Haftanstalt zur Befreiung der Häftlinge durchführte. Vermerk zur Haftstrafe Am 1. Juli bereits trat er seinen Weg nach Sibirien an, wo er in verschiedenen Lagern Zwangsarbeit verrichten musste. Anfang Oktober 1955 informierten hochrangige sowjetische Offiziere die deutschen Gefangenen von ihrer Amnestierung und der bevorstehenden Entlassung in die Heimat. Auch dem Wismut-Kumpel wurde mehrfach versichert, dass er als freier Mann zu seiner Familie zurückkehren werde. Tatsächlich fand er sich am 17.Dezember 1955 im Gefängnis Bautzen wieder. Nachden die im April 1956 von Staatssicherheits-Mitarbeitern in Aussicht gestellte baldige Entlassung nicht erfolgte, wandte sich der Gefangene schließlich im Januar 1957 mit einem ausführlichen Schreiben an den Generalstaatsanwalt der DDR. Er bat um Klärung, wenigstens aber um Erklärung seines Falles und äußerte wiederholt Zweifel an der rechtlichen Zulässigkeit seiner weiteren Inhaftierung. Im Entwurf des Antwortschreibens unterstellte die Generalstaatsanwaltschaft dem Gefangenen infame Hetze und merkte süffisant an: "Wenn Ihnen in der Sowjetunion irrtümlicherweise Ihre bevorstehende Entlassung zu Ihrer Familie versichert wurde, ist dieser Fehler durch die weitere Inhaftnahme korrigiert. Es ist an der Zeit, dass Sie als Teilnehmer des Putsches im Juni 1953 nun endlich die Lehren daraus ziehen und die Vergleiche mit der Entlassung von "Kriegsverurteilten" unterlassen." Gnadenentscheidung Zeitgleich hatte der Präsident der DDR, Wilhelm Pieck, mit einem Gnadenerlass die Haftstrafe auf zehn Jahre reduziert. Zwischen 1958 und 1960 richtete die in Bremen lebende Tante des Häftlings drei Gnadengesuche an den Generalstaatsanwalt, in denen sie auf die außerordentlich schwierige Situation der Familie hinwies. Schließlich erfolgte Ende November 1960 aufgrund eines Gnadenaktes des Staatsrates der DDR, der an die Stelle des zwischenzeitlich verstorbenen Präsidenten getreten war, die Entlassung auf Bewährung. Bericht eines Zeitzeugen über die Ereignisse am 17. Juni 1953 in Gera "Der 17.Juni war ein Mittwoch, ich selbst war Lehrling im Baugewerbe und hatte an diesem Tag Berufsschule. Als der Unterricht beginnen sollte, wurde Sportunterricht auf dem Sportplatz auf den Hofwiesen angeordnet. Die Schulleitung wollte mit dieser Maßnahme wahrscheinlich die Jugendlichen aus dem Stadtzentrum herausbringen, denn in Berlin hatten sich Bauarbeiter gegen die vorgesehenen Normerhöhungen mit Streik und Demonstrationen erhoben, doch darüber wurde in der Presse nichts berichtet. Als der Sportbetrieb beginnen sollte, zog ein Demonstrationszug die Sommerbadstraße entlang und rief seine Forderungen laut durch die Straßen. Transparente wurden mitgeführt und alle am Straßenrand Stehenden wurden aufgefordert, sich anzuschließen. Wir Berufsschüler ließen uns das nicht zweimal sagen und verließen den Sportplatz, um zu erfahren, aus welchem Grund gestreikt wird. Der ständig zunehmende Demonstrationszug schwenkte in die Neue Straße ein und hatte die SED-Bezirksleitung im Hochhaus zum Ziel. Auf dem Puschkinplatz hatte die SED Agitatoren eingesetzt, von denen die aufgebrachten Arbeiter zur Ruhe und Besonnenheit aufgefordert werden sollten. Diese "armen Teufel" wurden von ca. 20 bis 30 Arbeitern umringt; sobald sie ein Argument widerlegen wollten, wurden ihnen 100 andere Fragen gestellt. Man brüllte auf sie ein, so daß sie fast überhaupt nicht zu Wort kamen. Von Manchem wurde gefordert, sein Parteiabzeichen auf die Sraße zu werfen und zu zertreten. Inzwischen waren vorm Hochhaus Wismutkumpel mit ihren 16-sitzigen Bussen eingetroffen. Weil sich im Parterre die Sparkasse befand und die Gitter heruntergelassen waren, konnte das Gebäude nicht gestürmt werden, so begnügte man sich damit, aus den Zwillingsreifen der Busse die Schlammbatzen herauszukratzen, um die Fenster im 1. und 2. Stock damit einzuwerfen. Da kam ein Mannschaftswagen der Volkspolizei mit ca. 20 Mann bewaffneter Mannschaft angefahren; das brachte die Demonstranten noch mehr in Erregung. Das Fahrzeug wurde umgekippt, die Polizisten in die Flucht geschlagen und die zurückgelassenen Waffen auf dem Bordstein zerschlagen, dabei konnte man sehen, daß sie mit scharfer Munition geladen waren, doch geschossen hat niemand damit. Da wurde ein russischer Panzer T 34 eingesetzt, der am Hochhaus vorfuhr und sich dort postierte. Die Wismutkumpel stellten ihre Busse vor und hinter dem Panzer ab, wodurch die Panzerbesatzung unschlüssig wurde, denn die Busse gehörten der Sowjetisch-Deutschen Aktiengesellschaft SDAG Wismut. Weil man am Hochhaus nichts erreichen konnte, wurde die Parole laut "auf in die Greizer Gasse"; dort sollten die politischen Gefangenen aus dem Gefängnis befreit werden. So strömten die Massen in ungeordneten Haufen zum Gefängnis. Dort versuchten Zimmerleute mit ihren Äxten, das hölzerne Eingangstor aufzubrechen; einer von ihnen saß bereits auf dem oberen Torbogen, als russische Soldaten eingesetzt wurden, die mit ihren Gewehrkolben wild auf die Masse einschlugen, ohne darauf zu achten, wen oder wo sie trafen. Auf diese Weise wurde das Eingangstor wieder frei und die aufgebrachte Menge in die Greizer Straße gedrängt; die Große Kirchstraße hinab fuhr der Panzer mit tiefgesenkter hin und her schwenkender Kanone hinterher und trieb die Arbeiter auf den Roßplatz. Die Russen schossen auf das Pflaster, so daß Querschläger nach allen Richtungen flogen und die Massen in die Seitenstraßen zurückdrängten. Damit war die Demonstration schnell beendigt, keiner wagte sich, einen neuen Demonstrationszug zu bilden. Durch die Sowjetische Militärkommandatur wurde mittels Plakaten eine nächtliche Ausgangssperre verhängt und auch verboten, daß mehr als drei Personen zusammenstehen durften. Erst am 10. Dezember reagierte die DDR- Regierung auf diese Umsturzbewegung, indem ein neuer Kurs der Regierungspolitik angestrebt wurde. Eine Verordnung über die weitere Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen der Arbeiter und die Rechte der Gewerkschaften wurde erlassen. Bericht von D. Krug, Gera
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18.01.2015
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