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26.05.1950 Haft für einen Schneidermeister
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Was die Vergangenheit des Schneidermeisters während der NS-Diktatur betraf, war ihm nicht das Geringste vorzuwerfen aus Sicht der DDR. Er war weder in der NSDAP, noch in einer anderen der NS-Organisationen gewesen. Seit dem 1. November 1945 war er SPD-Mitglied und gehörte nach der Zwangsvereinigung der SPD mit der KPD zur SED im April 1946 zur neuen Einheitspartei.
Nachdem er von Hermsdorf nach Jena umgezogen war, blieb er die Parteibeiträge schuldig und geriet in den Fokus des politischen Interesses. Kurz vor Pfingsten 1950, im Mai war es, als er sich gegenüber einer ihm unbekannten Person, welche zur Volkspolizei gehörte, negativ über das bevorstehende Deutschlandtreffen der Jugend in Berlin und über die prekäre wirtschaftliche Lage in der DDR äußerte. Seiner Meinung nach sollte die Jugend Zuhause bleiben, weil er Schlägereien und andere Zusammenstöße befürchtete. So etwas kalkulierte die Regierung der DDR nicht ein und offiziell war es auch undenkbar, das ein sozialistischer Jugendlicher sich prügeln würde oder sich zu Zusammenstößen provozieren ließ.
Wörtlich sagte er spätere Angeklagte:
"... Die Regierung ist überhaupt nicht in der Lage, eine geregelte Wirtschaft einzuführen. wer ist Wilhelm Pieck? Nur ein gekaufter Agent von Stalin und wer ist Stalin? - ein Menschenschinder und Ausbeuter des deutschen Volkes. Die führenden Persönlichkeiten in der DDR sind alle gekaufte Agenten von Stalin. Ich sage nur das eine: Nieder mit Wilhelm Pieck, nieder mit unserer Regierung und nieder mit Stalin..."
Der Volkspolizist zeigt auf Grund dieser unbedachten Äußerung den Schneidermeister bei den DDR-Behörden an. Vor der Kleinen Strafkammer 201 des Landgerichts in Gera unter dem Vorsitz von Landrichter Purkert, bestritt der Schneidermeister zwar seine Äußerungen nicht direkt, versuchte allerdings sich damit zu entschuldigen, dass er zu diesem Zeitpunkt sehr verärgert gewesen sei, was aber auch kein Milderungsgrund sein sollte. Danach gab man ihm vor dem "hohen" Gericht zu verstehen, dass er durch seine Bekundungen nicht nur den Frieden im deutschen Volk, sondern sogar der ganzen Welt gefährdet habe. (Das hätte er selbst wohl nicht gedacht.) Das Gericht sprach ihn schuldig nach der Kontrollratsdirektive 38 und verurteilte ihn zu einem Jahr und fünf Monaten Gefängnis. Dem nicht genug, durfte auch nach dem Ende seiner Haftstrafe nicht mehr selbstständig arbeiten und keinen freien Beruf ausüben.

Anmerkung des Autor der Gera-Chronik

Damit sollte er unter staatliche Kontrolle gebracht werden und in ein "Arbeitskollektiv" eingebettet werden. So konnte er nicht mehr selbst entscheiden, was er wann und wo sagte und tat. Zudem kam das den Kollektivierungsbemühungen des DDR-Regime entgegen, welche die Selbstständigkeit einzelner Unternehmer nach und nach beenden wollte und alles unter "volkseigen" bringen wollte.  Danach setze in der DDR eine Enteignungswelle ein, welche bis in die 1970er Jahre anhielt und die Selbstständigkeit fast aller Kleinunternehmer zerstörte. Solche politischen Urteile waren in der DDR immer weit übertrieben ausgelegt worden, was den Charakter der DDR-Diktatur noch maßgeblich unterstrich.

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18.01.2015
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