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04.1894 Das Bauvorhaben Eisenbahnstrecke Gera nach Prehlitz
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In einem Schreiben an die Stadt Gera führte Hauptmann a. D. Garke aus, dass sich die Verhältnisse für den Bahnbau durch die Inbetriebnahme der Geraer Straßenbahn im Februar 1892 grundlegend geändert hätte. So schlug er vor, die Eisenbahn analog der Geraer Straßenbahn schmalspurig, und zwar in der Spurweite von genau einem Meter, zu bauen. (Ein Meter wurde zu dieser Zeit mit dem 10 Millionstel Teil der Entfernung zwischen Nordpol und dem Äquator definiert.)
Zwischen den Anschlüssen in Langenberg und Tinz, sollte ein eigenständiger Bahnhof, unabhängig des Hauptbahnhofes, angelegt werden. Und das möglichst in der nahen Zukunft. Von diesem Schmalspurbahnhof  sollte dann ein Verbindungsgleis zur Straßenbahnendhaltestelle in Gera/Tinz führen. Die dann mit der Schmalspurbahn ankommenden Kohlewagen hätten unter der Zuhilfenahme von Straßenbahnlokomotiven abgeholt und über die Tinzer Chaussee, dann durch die Kaiser Wilhelm Straße (Berliner Straße), die Bismarckstraße (Engelsstraße), die Bielitzstraße und die de Smit Straße den Fabriken, soweit diese einen Gleisanschluss besaßen, zugeführt werden können. In all den genannten Straßen lagen zu dieser Zeit bereits Gleise der Geraer Straßenbahn, teils für den Güter- teils für den Personenverkehr. Dieser geplante, einfache Wagenumlauf von den Brikettfabriken um Meuselwitz bis in die Geraer Industriebetriebe ließ zudem eine sehr große Kostenersparnis erwarten.
Das Bekanntwerden des Großprojektes dieses Güterverkehrs innerhalb der Geraer Innenstadt löste dann bei den Anwohnern und Hausbesitzern, welche wegen der Industriebelästigung um ihre Mieteinnahmen fürchten mussten, der angesprochenen Straßen energische Proteste aus. An die Stadt Gera wurde ein mit 80 Personen unterzeichnetes Protestschreiben gerichtet. Man forderte darin die sofortige Unterbindung der Bauvorhaben und begründete das mit den Worten:

„...Wir Grundstücksbesitzer sind schon durch den bisherigen Betrieb schwer geschädigt. Die Häuser erzittern beim Vorbeifahren der Züge, Belästigung durch Dampf und Funkensprühen sind ganz erheblich. Das Rangieren auf der Straße ist eine Schmach und die Fahrgeschwindigkeit in der Bismarck- und Bielitz-Straße gemeingefährlich und absolut gesetzwidrig. Der Verkehr wird dann lebensgefährlich. Man kann kaum ohne Gefahr aus seinem Grundstück heraustreten, und die Verkehrsbelastungen werden den Grundbesitz im Werte kolossalen mindern...“

Die Stadt Gera war sogar aufgefordert worden, den zehn Jahre zuvor bewilligten Zuschuss zu den Kosten des Bahnbaues und den Stadtratbeschluss von 1884 rückgängig zu machen.

Trotz der allgemeinen Proteste der Anwohner und der Vermieter und Grundstückseigentümer wurde der Vorschlag des Rittergutbesitzers Garke im Herbst 1884 von Stadtrat Hauck befürwortet. Unter dem Vorsitz des Geraer Oberbürgermeisters Ruick bildete sich nun ein neues Eisenbahnkomitee, welches seine erste Sitzung am 17. November 1894 im Hotel Frommater in der Schlossstraße abhielt.

Nach langem Hin und Her erteilte das Fürstlich Reuß-Plauische Ministerium im Jahr 1895 endlich die Konzession zum Bau einer Schmalspurbahn von Meuselwitz durch das Brahmetal nach Tinz.

(Mike Strunkowski, für die Gera-Chronik im Mai 2008.)

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18.01.2015
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