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1594 Die Sorge
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Der Name "Sorge" ist häufig für Außensiedlungen oder Vorwerke gebräuchlich, wie die "Kleine Sorge" in Thieschitz und "Sorge" dann "Heinrichstraße" und danach "Schulstraße" in Gera Langenberg. Beide Straßen sind auch Randstraßen.
Sorge und Zschochern in Gera waren einst eigen Orte oder Stadtteile vor den Mauern der Stadt, in denen die slawische Bevölkerung wohnte. Also die Armen der Stadt.
Die Nordseite der "Sorge" wurde wesentlich später bebaut als die Südseite nach der Stadtmauer zu, weil hier noch im 16. Jahrhundert der Stadtgraben offen lag. (Die Ostseite der "Sorge" ist am Zschochernplatz zu suchen und die Westseite am Elsterforum)
Diesem Umstand ist es auch zuzuschreiben, dass sich bis 1780 auf der oberen "Sorge" eine dritte Häuserreihe von wenigen Gebäuden erhob, welche angelegt worden war, als der Wallgraben auf der Nordseite Geras noch nicht eingeebnet war. Damals hatte man die Häuser an den Rand des Grabens gebaut. Nachdem der Graben bis auf das schmale Bett des Leumnitzer Baches im 16. Jahrhundert eingeebnet worden war, entstanden weitere Bauplätze dicht an der damaligen Stadtmauer, wodurch die "Sorge", weil auch die mittlere Häuserreihe stehen blieb, nun teilweise zur Doppelstraße wurde.
Nördlich der unteren "Sorge" befand sich in der Regierungszeit von Heinrich Posthumus (1572-1635) der bis zur "Gebind" reichende landesherrliche "Lust- und Küchengarten", in dem der Reußische Hof seine "Venezianischen Aufzüge", die zu dieser Zeit beim Adel beliebten Maskeraden, abhielt.
Im Jahr 1661 erwarb der Rat der Stadt Gera den "Lust- und Küchengarten" von Heinrich II., um damit das enge sogenannte "Weichbild" der Stadt nach Norden erweitern zu können.
1734 wurde der Leumnitzer Bach zunächst vor dem Gasthaus "Goldene Weintraube" überwölbt. (Dort wurde 1912 das Warenhaus Tietz errichtet und später war es das bekannte "Konsument Warenhaus".) Im Jahr 1753 folgte dann die Überwölbung des Leumnitzer Baches bis zur Schloßstraße hinunter.
Infolge der Entwicklung zur Industriestadt dehnte sich Gera im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts immer weiter nach Norden, Osten und Süden aus. Dadurch rückte die "Sorge" in das entstehende Stadtzentrum. Im Jahr 1883 wurden zwei Häuser, "Sorge 15 und 17" in der nördlichen Straßenflucht abgebrochen und die Humboldtstraße an die "Sorge" geführt. 1888 führte man die "Späthe Galerie" bis zur "Sorge" weiter. Diese Passage war 1869 zwischen der "Großen Kirchstraße" und der Gasse "Hinter der Mauer" angelegt worden.
Ein zweiter Durchgang vom Markt zur "Sorge" wurde 1984 geschaffen, nachdem bereits 1928 vom Haus "Sorge" 9 aus, der ehemaligen Einfahrt zum städtischen Marstall, der Zugang zum "Amthordurchgang" als kürzester Weg von der "Sorge" zum Hauptbahnhof, der "Amthorpassage" fertig gestellt worden war.
Die "Sorge" wandelte sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts zur Hauptstraße der Stadt. Der Warenkonzern von Hermann Tietz (Hertie) ging aus einem kleinen, am 1. März 1882 auf der "Sorge" 23 eröffneten, Weiß- und Wollwarengeschäft hervor. Das 1904 errichtete Kaufhaus wurde bereits 1912 durch einen monumentalen Neubau des Architekten namens Zaenker ersetzt. Die sehr stark plastische Fassade des mehrheitlich vertikal gegliederten Baues wird noch heute, 2008, durch ionische Säulen geprägt, welche ein hohes Walmdach tragen.
Ein besonderes Kleinod stellt seit je her der 1890 von dem Geraer Fleischfabrikanten Oertel in der "Sorge" 16 mit Kacheln der Gründerzeit ausgestattete Laden dar. (die "Johlante")
Am 22. Februar 1892 fuhr die elektrische Straßenbahn, nach Halle/Saale die zweit Straßenbahn in Deutschland, erstmals auf der Strecke von Tinz nach Debschwitz über die "Sorge". Im Zusammenhang mit der Altstadtsanierung wurde im Bereich "Hinter der Mauer" ein Teil der Hintergebäude der "Großen Kirchstraße" abgebrochen und die Straßenbahntrasse zur Entlastung der Fußgängerzone "Sorge" nach dorthin verlegt. Am 3. Juni 1984 fuhr die Geraer Straßenbahn zum ersten Mal auf ihren neuen Trasse "Hinter der Mauer".
Der Name führte allerdings zu politischen Irritationen in der Zeit der DDR. Nach dem "Mauerbau" am 13. August 1961 war der Begriff "Hinter der Mauer", wo auch immer seine Bedeutung gelegen haben mag, politisch nicht mehr tragbar. Die Menschen in der DDR sollten nicht auch noch daran erinnert werden, dass sie nicht hinter die "Mauer" reisen konnten. Deshalb wurde die Haltestelle der Straßenbahn in "Am Leumnitzer Tor" getauft.
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Tintenglas mit Feder
 
 
18.01.2015
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